Nicht einfach zur Flasche greifen

Das ZDF-Morgenmagazin schickt Profi-Bewerber gegen die Arbeitslosigkeit im Sommerloch ins Feld.

Heute Morgen im ZDF-Morgenmagazin:

Die Arbeitslosenzahlen, die in ein paar Stunden in Nürnberg offiziell verkündet werden, sind, wie vorab bekannt wurde ,gestiegen.

Das war die Nachricht – danach folgte die Belehrung – und die war ein echtes Kabinettstückchen professionell-selektiver Information.

Für den Anstieg der Arbeitslosenzahlen, plaudert die Moderatorin munter dahin, gäbe es sicherlich (!) mehrere (!) Gründe. Dann folgt die Aufzählung:

  • Die Konjunktur macht gerade Pause
  • „Dann gibt es dann noch das sogenannte Sommerloch, was immer das sein mag“, und
  • „Qualifizierte Bewerber sind Mangelware, sagen die Personalabteilungen der Unternehmen.“

„Dann gibt’s da noch das sogenannte Sommerloch, was immer das sein mag“, und die waren allesamt mehr oder minder grober Unfug:

  • Eine „pausierende Konjunktur“, so volktstümlich das Bild auch sprachlich hingetupft sein mag, würde eher auf einem Stillstand auf dem Arbeitsmarkt passen. Die Zunahme der Arbeitslosigkeit erklärt sie nicht.
  • Das ominöse Sommerloch, von dem auch die Moderatorin nicht weiß, was das sein mag, kommt als ernsthaftes Argument auch nicht in Frage, und
  • Dass der Mangel an qualifizierten Bewerbern zum Anstieg der Arbeitslosigkeit führt, ist ebenfalls eine rein suggestive Aussage, die jeglicher Logik entbehrt.
    (Dadurch, dass ein Unternehmen Mitarbeiter sucht, aber keine geeigneten Bewerber findet, ändert sich doch an der Zahl der Arbeitslosen nichts. Sie wird dadurch weder kleiner, noch größer.)

Allerdings ist es den Konstrukteuren dieses Beitrags damit gelungen, immerhin drei Ursachen aufzuzählen, die – zusammengenommen geeignet sind, ungefähr folgenden Wirrwarr im Kopf der Zuschauer hervorrufen:

Obwohl die Konjunktur pausiert, versuchen die Unternehmen, selbst noch im Sommerloch, Leute einzustellen, der Anstieg der Arbeitslosenzahlen liegt also nur daran, dass die Bewerber nicht ausreichend qualifiziert sind. Die sollen sich auf den Hosenboden setzen, die Faulenzer…

Und, weil genau diese Wirkung vorhersehbar, wenn nicht gar beabsichtigt war, setzt das Morgenmagazin noch einen drauf und lässt wissen, dass man etwas dagegen machen kann, gegen die nicht ausreichend qualifizierten Bewerber.

Von da an gerät der Beitrag vollends zur Farce.

Arbeitslose müssen zu Profi-Bewerbern
umgeschult werden.

Ein konkreter Fall wird vorgestellt, ein 25-jähriger mit dem Berufswunsch „Koch“, der angibt, in seinem ganzen Leben ungefähr 200 bis 300 Bewerbungen geschrieben zu haben, ist der Musterfall für jene rund 6 Millionen Arbeitslosengeldempfänger, denen vermeintlich nichts fehlt, als ein Bewerbungstraining, um in Deutschland wieder die Vollbeschäftigung ausrufen zu können.

„Drei Jahre bewerben, ohne Erfolg. Jetzt sind Profis gefragt.“

Mit diesem optimistischen Slogan wird die Reportage über die Erlebnisse des Aspiranten im Bewerbungstraining anmoderiert. Dann der Schlüsselsatz:

„Die Arbeitsagentur schickt (den Bewerber) ins Projekt ‚Job Act‘.“

Kein Wort darüber, was dieses Projekt ist, was damit bezweckt wird, was es kostet, wie die Erfolgsquoten sind – Hauptsache ein schöner, wohlklingender Titel. Dass der für englischsprachige Menschen ebenso nichtssagend ist, wie für das deutsche Publikum, das macht nichts. „Job Act“ ist heute Morgen im ZDF Morgenmagazin die Patentlösung für den Arbeitsmarkt.

Unser Bewerber erfährt in einem zeitrafferartigen Zusammenschnitt
(so ein Bewerbungstraining zieht sich in der Realität oft über zwei, drei oder auch vier Wochen hin; dem folgt im direkten Anschluss häufig ein ein-, zwei- oder dreimonatiges unbezahltes Praktikum)
zunächst alles Wichtige über den Lebenslauf:

  • Was man heute eigentlich nicht mehr unbedingt macht, bzw. was man bisschen, was man machen kann, nur – ein bisschen, m…, sachma, konservativ ist, ist, dass man, m…, dass man auf die Eltern und auf die Geschwister eingeht“, erklärt der Profi, der in diesem Fall ran durfte.
  • „Also die Information, dass du Online-Games spielst …“, erläutert er weiter, „Kann ich eigentlich rauslassen…,“ weiß der Bewerber,“… würde ich rauslassen“, bestätigt der Profi, um das, was der Teilnehmer offenbar schon begriffen hat, dann auch noch wortreich zu begründen:
  • „Das ist, also eher im Gegenteil, das ist, wird dir n…, als negativ ausgelegt, da denken die Leute, o.k., der hängt ’n ganzen Tag am Computer. Der daddelt die ganze Zeit. In seiner Freizeit.“
  • „Du hast Rechtschreibfehler drin, ja also hier diese, die Anne Frank Schule in Fritzlar heißt bestimmt Fritzlar, und zum Einen habe ich jetzt gesehen, dass du oben dich bei Gasthof Meier bewirbst“,
    „ja“
    „und dann ganz offensichtlich hier unten vergessen hast, die Frau Meier eben und dann auch anzusprechen.“

Ein Bewerber sollte sich auf das Vorstellungsgespräch vorbereiten und sich über das Unternehmen, bei dem er sich bewirbt, gut informieren. Hat er das versäumt, wie in dem im Beitrag gezeigten Rollenspiel, dann wird er vom Profi von Job Act aufgeklärt: „Du warst sehr desinformiert!“

Aber hat man sich informiert, und begeht man nicht einen der beiden Kardinalfehler, verkrümmt und verschlossen herumzusitzen, statt sich dem Arbeitgeber offen zu zeigen, oder gar unaufgefordert zur Flasche zu greifen, dann steht der baldigen Einstellung nichts mehr im Wege.
(Vorausgesetzt, auch der Arbeitgeber hat den Rat „Nicht einfach zur Flasche greifen“ richtig interpretiert.)

Und damit auch dem letzten Zuschauer vollkommen klar wird, dass jeder für seine Arbeitslosigkeit selbst die Verantwortung zu tragen hat, weist das ZDF-Morgenmagazin abschließend darauf hing, dass es den Kurs „Bewerbungstraining“ bei den Volkshochschulen schon für 30 Euro gibt, erwähnt auch, dass private Bildungsträger teurer sind, bis zu 1.500 Euro („…da schwanken die Preise“), um zuletzt triumphierend zu verkünden, dass es Bildungsgutscheine vom Arbeitsamt gibt, mit denen das Bewerbungstraining für den Bewerber kostenlos ist.

Die Abmoderation:

„Lebenslauf, Anschreiben und Gespräch sitzen –
(…) ist schon ein fast perfekter Bewerber.
Und sein nächstes Vorstellungsgespräch, das stimmt ihn
optimistisch.“

Schön, nicht wahr? Wo ist das Problem?

Schön. Nicht wahr. Das ist das Problem.

Um den im Beitrag aufgetretenen „Profi“ zu zitieren:

Die Macher dieses Beitrags wirkten sehr desinformiert.

Wenn nicht gar desinformierend, desinformativ.

Ob Absicht, Dummheit oder Unwissen dahintersteckt, wird nicht abschließend geklärt werden können. Nicht bestritten werden kann,

  • dass ein so naiv-optimistisch gestrickter Bericht an der Realität von Bewerbungstrainings vollkommen vorbei geht – und
  • dass man, mit dem Versuch, ernsthaft zu recherchieren und dem Mut, auch einmal kritsich zu berichten, der Wahrheit, die ja nicht verborgen ist, sondern in Hundertausenden von Fällen offen zutage liegt, ja geradezu zum Himmel schreit, deutlich hätte näherkommen können.

Lassen Sie mich mit einigen wenigen Sätzen den hier vorgetragenen Optimismus ad absurdum führen:

  • Das Angebot an Arbeitsplätzen steigt nicht, wenn Arbeitslose zu „Profi-Bewerbern“ umgeschult werden. Nicht nur, weil kein Unternehmer für Mitarbeiter Verwendung hat,die zum professionellen Bewerber ausgebildet wurden – die Realität ist viel einfacher:
  • Zwischen der Zahl der angebotenen Arbeitsplätze und der Zahl der perfekt ausgebildeten „Berufsbewerber“ besteht nun einmal keinerlei Zusammenhang.

    Würden mehr Bewerber mehr Jobs schaffen, dann müssten mehr Polizisten auch zu mehr Ganoven führen, mehr Fahrlehrer müssten die Zahl der Fahrschüler massiv ansteigen lassen und je mehr Politiker sich auf der politischen Bühne drängen, desto mehr Wähler müssten nachwachsen…

  • Die in den Bewerbungstrainings erzwungenen, dutzendfachen (Blind-)Bewerbungen von Hunderttausenden von Bewerbern verstopfen die Eingangspostkörbe der Personalabteilungen. An der beruflichen Qualifikation der Bewerber ändern sie nichts.
  • Selbst wenn ein „Profi-Bewerber“ bessere Chancen hat, einen Job zu ergattern, so bleibt die Zahl der angebotenen Stellen deshalb doch unverändert. Es werden folglich nicht mehr Stellen besetzt, sondern bestenfalls andere – nicht zwangsläufig auch geeignetere – Bewerber eingestellt.
  • Bewerbungstraining ist in der Regel alles andere als eine freiwillige Angelegenheit. Arbeitsagenturen und Jobcenter zwingen Menschen – oft ohne Prüfung der Zweckmäßigkeit – erst einmal in eine Maßnahme, und diese Maßnahme ist häufig ein sogenanntes Bewerbungstraining. Das hat für die Verwaltung der Arbeitslosigkeit zwei Vorteile:
    Wer in einer Maßnahme steckt, wird nicht als arbeitslos gezählt, verbessert also die Statistik, und wer die Teilnahme an einer Maßnahme verweigert, zum Beispiel weil er dagegen aufbegehrt, zum dritten Mal ein unsinniges Bewerbungstraining zu absolvieren, dem kann die Leistung gekürzt werden. Das verbessert die Finanzlage der Arbeitslosenversicherung.
  • Der nette Nebeneffekt, dass die boomende „Trainingsindustrie“ Stellen aufbaut, also den Arbeitsmarkt tatsächlich entlastet, gerät zur unentrinnbaren Endlosspirale: Solange die Arbeitsverwaltung es selbst in der Hand hat, zu entscheiden, ob Trainer wegen Arbeitsmangel entlassen müssen, oder ob – wegen zusätzlichen Schulungsbedarfs – weitere eingestellt werden, werden die Träger der Maßnahmen mit den benötigten Aspiranten bedient..

Der ZDF-Beitrag ist als Video hier abzurufen.
Morgenmagazin Video

Einen Beitrag über die Realität liefert Isabel Horstmann in ihrem Buch

„Im Dschungel der Maßnahmen“.

Es ist im EWK-Verlag erschienen, 202 Seiten stark und kostet 11,90 Euro. Das ist zwar etwas teurer, als die anteiligen Fernsehgebühren für den MOMA-Beitrag, aber dafür viel informativer.

Hier noch einmal der Link

zur Buchvorstellung

Mein besonderer Dank gilt dem ZDF-Morgenmagazin, das mir in dieser öden Sommerlochzeit doch noch ein Thema für den heutigen Paukenschlag geschenkt hat.

Sonst hätte ich womöglich noch einmal über Clement schreiben müssen. Der hat aber soviel Aufmerksamkeit gar nicht verdient.

© 31. Juli 2008 Egon W. Kreutzer

>>>Reaktionen auf diesen Paukenschlag

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