Arbeitslose in Pflegeheime?

Ein Vorschlag der Arbeitsagentur, der zum Aufschrei führen MUSS!!
Nachdem Philipp Mißfelder (CDU) sich schon gegen alte Menschen in der BRD ausgesprochen hat, setzt die Bundesagentur für Arbeit noch richtig einen nach:

Die BA will Langzeitarbeitslose bei der Pflege von Demenzkranken in Heimen einsetzen. Eine BA-Sprecherin sagte, dass derzeit überall in Deutschland Bewerbungspools gebildet werden und teilnehmen könne jeder, der sich für die Arbeit in einem Heim interessiere und für eine Weiterbildung in Frage komme.

Hintergrund der Aktion ist das neue Pflegegesetz. Demnach dürfen Heime künftig zusätzliches Personal zur Betreuung von Demenzkranken einstellen. Die Bundesregierung schätzt, dass dadurch 10.000 neue Stellen entstehen könnten, obwohl 30000 gut Ausgebildete Pfleger Arbeitslos gemeldet sind!

Der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek sagte, „Man kann nicht jeden in so einen belastenden Beruf schicken. Schon heute arbeiteten zu viele Menschen in der Pflege, die für diese Arbeit nicht geeignet seien. „

Auch die pflegepolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag Elisabeth Scharfenberg, kritisiert, „Man muss sich für diesen Beruf entscheiden, und kann nicht hinein-entschieden (gezwungen)werden“. Das SGB schreibt nämlich zwingend vor, das jede Arbeitsstelle die die ARGE den Langzeitarbeitslosen anbietet, auch angenommen werden muss. Somit wird das Grundrecht auf freie Arbeits- und Berufswahl ad absurdum geführt.

Die „zusätzlichen Betreuungskräfte“, ein Ausdruck bzw Beruf ohne jegliche Definition, sollen sich um Alzheimer Patienten und altersverwirrte Bewohner kümmern. Pro 25 Demenzkranke darf ein Heim künftig eine zusätzliche Kraft einstellen. Die Kosten der neuen Mitarbeiter übernehmen die Pflegekassen. Diese Betreuer sollen mit den Kranken den Alltag verbringen und sie beschäftigen. Diese Aufgabe sei jedoch alles andere als einfach, betonen Pflegeexperten. Der Umgang mit den Demenzkranken, die im Verlauf der Krankheit auch aggressiv werden können, erfordere viel Geduld, besondere Kenntnisse und auch innere Einstellung zu den Kranken.

Aktionismus voller Zynismus
Helmut Wallrafen-Dreisow, Mitglied des Kuratoriums Deutsche Altenhilfe, sagte „Demenz gleichzusetzen mit basteln, vorlesen und spazieren gehen, ist eine Unverschämtheit. Die Pflegekasse will es immer möglichst billig haben, aber die Heime sollen weiterhin die hohen Qualitätsstandards erfüllen. Das passt nicht zusammen. Der Behörden-Aktionismus sei zynisch.“

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), der die Qualifikations-Anforderungen für die Alltagsbetreuer festlegt, plant offenbar nur eine Kurzausbildung. Zwar stellt der Verband hohe Ansprüche an die Bewerber und diese müssten unter anderem „eine positive Haltung gegenüber kranken, behinderten und alten Menschen“ haben, sollten teamfähig und zuverlässig sein. Nur stellt sich da die Frage, nach welchen Kriterien soll endschieden werden ob zb eine gelernte Fachverkäuferin oder Maurer überhaupt in der Lage ist diese Anspruchsvolle Tätigkeit auszuüben.

Andererseits sieht das Papier aber als Qualifikation lediglich eine Schulung von 100 Theoriestunden und 60 Praxisstunden plus einiger Praktika vor. „Wenn man sieht, was die alles können sollen, sind 160 Stunden ein bisschen wenig“, kritisiert ein Sprecher der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft. Vergleichbare Lehrgänge hätten in der Vergangenheit etwa 900 Stunden vorgesehen. Die Richtlinie soll kommenden Dienstag vom GKV-Spitzenverband beschlossen werden.

Doch gerade in den vergleichsweise geringen Anforderungen sieht die Bundesagentur offenbar ihre Chance, auch Langzeitarbeitslose in den Pflegeheimen zu beschäftigen. Besonders offensiv bereitet die Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen die Vermittlung vor. In der Pflege entstünden derzeit neue Arbeitsplätze für „schwer vermittelbare Kunden“, heißt es in einem internen Schreiben. „Alle Möglichkeiten müssen ausgeschöpft werden“, um hier Arbeitslose unterzubringen.

Wie sich das in den einzelnen ARGEN auswirken wird, mag man sich kaum vorstellen. Unqualifizierte ARGE-Mitarbeiter (Fallmanager) werden dann mit Hilfe des SGB II Langzeitarbeitslose in einen Tätigkeit pressen, die für diese Arbeit nicht geschaffen sind.160 Unterrichtsstunden zur sogenannten Qualifizierung endsprechen gerade mal 17,7 Prozent von tatsächlichem Lehrplan, und das vor dem Hintergrund, das Bundesweit Gut Qualifiziertes Personal in allen Bereichen immer mehr zur Mangelware wird.

NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), der zugleich auch Gesundheitsminister ist und landesweit die Pflegeheime beaufsichtigt, sagte,“ ich begrüße es grundsätzlich, dass Arbeitslosen mit der Ausweitung des Leistungskatalogs für Demenzkranke *eine neue Beschäftigungsperspektive* in Pflegeheimen eröffnet werde. Allerdings müsse bei dieser Rekrutierungsaktion *die menschliche Eignung der Bewerber* und *nicht ihre schwere Vermittelbarkeit* im Vordergrund stehen“. Bei der Bewerberauswahl müsse die Arbeitsverwaltung Arbeitslose „mit einer Grundqualifikation im Bereich der Alten- oder Familienpflege“ ins Auge fassen. Laumann kündigte an, er werde umgehend das Gespräch mit der Arbeitsverwaltung suchen, „um bei der Aktivierung geeigneten Betreuungspersonals ein Höchstmaß an Qualität zu sichern.“

Aber genau da wird es zu Spannungen kommen zwischen Langzeitarbeitslosen und Fallmanager. Schon heute suchen viele Heime verzweifelt nach geeignetem Pflegepersonal. Bei der Bundesagentur für Arbeit waren zuletzt 10.157 Stellen für Altenpfleger und Altenpflegehelfer gemeldet. Und das obwohl 30.000 Menschen mit dieser Qualifikation arbeitslos gemeldet waren. Diese Zahlen sind ein Indiz dafür, dass durch das neue Pflegegesetzt durch die Hintertür versucht wird, Kosten zu senken. Und das zum Nachteil der Kranken und des Pflegepersonals.

Was ist Demenz?
Unter dem Begriff Demenz versteht man den Verfall der geistigen Leistungsfähigkeit. Vor allem die Gedächtnisleistung und das Denkvermögen nehmen ab. Betroffene haben Schwierigkeiten, neue gedankliche Inhalte aufzunehmen und wiederzugeben. Allerdings bedeutet eine Vergesslichkeit allein noch keine Demenz.

Beeinträchtigt werden die Orientierung (Wo bin ich? Was passiert gerade?) und Urteilsfähigkeit. Später lassen das Sprach- und Rechenvermögen nach und Teile der Persönlichkeit werden zerstört. Alltagsaktivitäten wie Waschen, Kochen oder Einkaufen gelingen nur eingeschränkt und im weiteren Verlauf oft gar nicht mehr. Die Betroffenen werden aggressiv oder enthemmt, depressiv oder in ihrer Stimmung sprunghaft, was für Angehörige und Pfleger erhebliche Probleme aufwirft.

Etwa 8 bis 13 Prozent aller Menschen über 65 Jahren leiden unter einer Demenz. Bei den über 90-Jährigen sind es sogar 40 Prozent. Nach Schätzungen von Patientenverbänden leben in Deutschland weit über eine Million Menschen mit altersbedingten Hirnleistungsstörungen. Die Autoren der europäischen Demenzleitlinien* gehen davon aus, dass in Europa mindestens fünf Millionen Menschen unter einer Demenz leiden. Vermutlich werden diese Zahlen noch weiter steigen, weil der Anteil alter Menschen an der Gesamtbevölkerung zunimmt. Schon heute sind Demenzen der häufigste Grund für die Einweisung in ein Pflegeheim.
Wie Eingangs schon angemerkt, Herr Mißfelder (CDU)wirft einen Ball aufs Feld und andere nehmen diesen Ball dann auf. Wohin die Reise gehen soll kann man sehen, wenn man die Sprüche des Herrn Mißfelder(CDU) mal aufmerksam liest.

Kurt Biedenkopf, CDU, nennt die nachfolgenden Äußerungen („Menschen verachtend“ meinten die Kieler Nachrichten) von Philipp Mißfelder „richtig und mutig“. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.8.2003 Auszüge aus dem Interview mit dem “Tagesspiegel“ Sonntag 3. August 2003:

Sie bitten die Alten also zur Kasse?
„Natürlich. Die Alten sollen sich stärker an dem beteiligen, was den Sozialstaat wirklich ausmacht: nehmen und geben! Es ist ganz klar, dass die Belastung nicht nur oder im Wesentlichen auf meiner Generation liegen kann.“

„Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen.“

Klar war die Position der CDU in den vergangenen Monaten eigentlich nur bei ihrer Amerika-hörigen Lust am Irak-Krieg.
„Das ist doch ein gutes Beispiel dafür, wie es der Parteivorsitzenden gelungen ist, die Union ganz eindeutig zu positionieren.“

„Wir hätten entweder eine klare Sonthofen-Strategie der Ablehnung fahren können mit einer deutlichen eigenen programmatischen Aussage. Oder aber eine Kooperationsstrategie, bei der klar erkennbar ist, wo die Union Kompromisse macht und wo sie sich selbst durchsetzt.“

Sonthofen-Strategie
Anspielung auf die berühmt-berüchtigte Rede von Franz J. Strauss auf der Tagung der CSU-Landesgruppe in Sonthofen am 18./19.November 1974. Allerdings kennt Mißfelder anscheinend diese Rede genau, da Strauss das gegenteil vorschlug: keine deutliche eigene programmatische Aussage. Sein Redebeitrag dazu:

„Lieber eine weitere Inflationierung, weitere Steigerung der Arbeitslosigkeit, weitere Zerrüttung der Staatsfinanzen in Kauf nehmen, als das anzuwenden, was wir als Rezept für notwendig halten …“. Katherina Reiche, CDU unterstützt den Vorschlag Mißfelders, den die Kieler Nachrichten als Menschen verachtend und ökonomisch unsinnig bezeichneten. OVB, 6.8.2003, S. 1-2.

17. August 2008 hermann stehr

Quelle:
Arbeitslose in Pflegeheime – sueddeutsche.de 15. August 2008

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One Response to Arbeitslose in Pflegeheime?

  1. Michael Corts sagt:

    Danke, für diese offene und ehrliche Stellungnahme .
    Die Absicht, zusätzliche Unterstützung bei der Betreuung demenzerkrankter Pflegeheimbewohner gemäß der neuen gesetzlichen Möglichkeit der Pflegeversicherung schnellstmöglich zu rekrutieren, ist dringend geboten.
    Leider wird dieses Vorhaben durch die einseitig und fachlich vollkommen unqualifizierte Medienberichterstatung und die ebenso absurden Äußerungen der Politiker und ihrer Sprecher schon in den Anfängen boykotiert und niedergeredet.

    Gerne würde ich in der von mir geleiteten Seniorenpflegeeinrichtung Menschen einstellen, die schon lange auf eine berufliche Chance warten.
    Aber ! – ich würde dies nur dan tun, wenn die Interessenten ausreichend über die zukünftige Aufgabe informiert würden. Wenn sie eine gute Basisschulung erlebt hätten, in denen sie Erfahrungen machen mit dem Krankheitsbild und den möglichen Betreuungsansätzen in der Begleitung Dementer.
    Weiterhin muß eine eigene persönliche Haltung und postive Einstellung zum alten und verwirrten Menschen vorhanden sein.

    Es muß in der Rekrutierungsphase der Arbeitsverwaltung sehr sensibel vorgegangen werden und man darf den Bewerbern nicht verheimlichen, daß in der Begleitung der dementen alten Menschen eine enorme psychische Kraftanstrengung verlangt wird – an der selbst viele excelent geschulten Fachpflegekräfte zerbrechen.
    Es wird nicht ums basteln, einkaufen und vorlesen gehen ! Es wird darum gehen, Menschen, die den roten Faden im Leben unauslöschlich verloren haben, an die Hand zu nehmen. Ihre unausgesprochenen oder nicht mehr verstehbaren Bedürfnisse zu erahnen. Ein Lotse zu sein, in den Gedanken- und Gefühlsfluten von Verwirrten.

    Schnelle arbeitsmarktpolitisch geleiteten Entscheidungen sind hier fehl am Platze.
    Sie bringen die Gefahr mit sich, die Arbeitsplatz- und Lebensqualität in den stationären Pflegeeinrichtungen zu verwässern und die mühsam erkämpften Qualitätsansätze noch zusätzlich zu erschweren.

    Michael Corts, Leverkusen

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