Ganz unten

Nein, dieser Artikel befasst sich nicht mit dem erfolgreichen Buch von Günter Wallraff, wo es um Ausgrenzung, Missachtung und Ausbeutung geht, sondern um dem derzeitigen Außenminister und FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle.

G. Westerwelle befindet sich ganz unten, zumindest wenn es um die Beliebtheit von Politikern geht. Der Außenminister und Vizekanzler liegt bei allen Umfragen in der Beliebtheitsskala der wichtigsten Politiker der BRD im tiefen Keller. Bis heute wurde noch kein Außenminister so schlecht bewertet wie Guido Westerwelle. Zwar hat sich die Welle der Empörung um seine Äußerungen von „spätrömischer Dekadenz“ und seine umstrittene Reisebegleitung gelegt, aber die schlechten Umfragewerte bleiben trotzdem.

Es gab schon immer Politiker die polarisierten. „Everbody´s Darling is everybody´s Depp“ sagte schon Franz Josef Strauß. Und Strauß lief auch niemals Gefahr, König der Umfragelisten zu werden. Er zeigte klare Kanten und eckte bewusst an. Auch er führte seine Partei (CSU) zu großen Erfolgen und regierte Bayern lange und unangefochten.

So wie einst Strauß scheint heute auch Guido Westerwelle zu polarisieren. Mit seinen Thesen von „*spätrömischer Dekadenz“ und „leistungslosen Wohlstand“ erntet er zwar keine Sympathiepunkte bei der großen Mehrheit des Wahlvolkes, er trifft damit den Nerv der FDP-Klientel. In den Umfragen scheinen die Liberale da ihren Absturz vorerst gestoppt zu haben. Ihr Parteichef aber befindet sich weiter im freien Fall. Kein Außenminister war beim Wahlvolk so unbeliebt wie er, selbst Klaus Kinkel nicht. Obwohl K.Kinkel seine Partei fast in die Bedeutungslosigkeit führte und nach knapp 2 Jahren als Parteichef zurück trat. Mit anderen Worten, Kinkel war beliebt aber erfolglos.

Westerwelle gibt zu sehr den Liberalen Parteichef, zu wenig dem Außenminister. Beinahe im Alleingang hat Westerwelle die FDP zum Erfolg und an die Macht zurück geführt. Doch die Rolle als Vizekanzler, Parteichef und Außenminister ist absolutes Neuland für ihn. Es wirkt fast, als könne er den Mantel des Oppositionspolitikers nicht richtig abstreifen.

Ob sein Kurs der gezielten Provokation auf Dauer der FDP wirklich hilft, bleibt abzuwarten. Noch hält sich der Widerstand in den eigenen Reihen mangels überzeugender Alternativen sehr in Grenzen. Doch die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wird auch für Westerwelle ein eminent wichtiger Stimmungstest. Sollte es da für die FDP eine Niederlage geben, wird Westerwelle wohl nicht mehr als Parteichef zu halten sein. Auch dürfte es dann Reaktionen von der Bundeskanzlerin geben.

Es kann also ein sehr heißer Sommer für Guido Westerwelle werden.

*spätrömische Dekadenz

spätrömisch: die Zeit von der Krönung Diokletians 284 bis zur Absetzung Romulus‘ Augustulus 476, oder der Einfall der Langobarden in Italien 568

Die Historiker-These „Rom stürzte sich selbst von innen“ geht auf die Dekadenz im weströmischen Reich (später auch im oströmischen) um 450 zurück. Das Patriziat lebte damals nach purer hedonistischer Grundmoral. Man hätte Rom und Ravenna damals als Sodom und Gomorrha bezeichnen können: Während die unteren Schichten immer mehr verarmten und das weströmische Reich zu einem Entwicklungsland wurde, hat das Patriziertum in purem Luxus und verschwenderisch gelebt. Städte und Gebäude verfielen langsam und es gab keine neuen Bauvorhaben. Es gab Orgien, Essensschlachten und sogar im Senat Saufgelage. Der Kaiser war bloß mehr eine Marionette einiger Oligarchen und Mätressen, was niemand störte, da das Patriziertum sowieso buchstäblich in Wein badete. Menschen wurden zum Vergnügen gefoltert und hingerichtet.

Das sollte ein Politiker zumindest wissen.

09. April 2010 Hermann Stehr

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